„Oh, hüte dich vor allem Bösen! / Es macht Pläsier, wenn man es ist. / Es macht Verdruß, wenn man’s gewesen!“ Wilhelm Busch (1832-1908)
Es ist das Thema der letzten Tage: die Plagiatsaffäre des Verteidigungsministers. Der beliebteste Politiker unseres Landes, eine der größten Hoffnungen für die politische Klasse seit Jahren, steht im Verdacht des vorsätzlichen geistigen Diebstahls. Dass zu Guttenberg Schuld auf sich geladen hat, ist indiskutabel. Das Schuldgeständnis geht jedoch vielen nicht weit genug: Während zu Guttenberg von “offensichtlicher wissenschaftlicher Schlamperei” spricht, schimpfen ihn andere als „Lügenbaron“ und „Hochstapler“. Die Faktenlage ist zumindest erdrückend…
Die gesellschaftliche Debatte dreht sich indes um das Maß an gerechter Sühne. Reicht es, wenn zu Guttenberg der Doktortitel aberkannt wird? Oder muss er zurücktreten? Diese Frage spaltet die politische, mediale und öffentliche Klasse in bemerkenswerter Deutlichkeit. FAZ-Herausgeber Berthold Kohler hat dem Minister den Rücktritt nahe gelegt. Der Chefredakteur der ZEIT plädiert für eine strikte Trennung von Dissertation und Amt, spricht sich also gegen einen Rücktritt aus.
Die BILD-Zeitung steht geschlossen hinter zu Guttenberg – das Volks scheinbar auch. Bei einer Umfrage von SZ und BILD fordern jeweils nur 22 % der Bürger seinen Rücktritt, trotz Sympathieverlust bleibt zu Guttenberg beliebtester Politiker Deutschlands.
Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) spricht im Zusammenhang mit der Plagiatsaffäre von „Sargnägeln für das Vertrauen in unsere Demokratie“, Annette Schavan schämt sich einfach nur für zu Guttenberg, und die Bundeskanzlerin will keinen Rücktrittsgrund erkennen.
Was hier gesellschaftlich verhandelt wird, ist nicht objektives Recht, sondern eine moralische Frage. Ist ein Rücktritt zu Guttenbergs moralisch geboten, oder verboten? Zuvörderst sei Moral hier als jene ethisch-sittlichen Normen des Handelns verstanden, die die gesellschaftliche Praxis bestimmen, als verbindlich akzeptiert sind und eingehalten werden. Nun gibt es aber verschiedene Moralbegriffe. Kants Moralphilosophie war z.B. ganz auf das Gute (bei ihm der gute Wille) fixiert, er verfolgte eine Metaphysik der Moral. Wir wollen uns hier aber auf empirische Prinzipien der Moral stützen.
Das Ethos eines zu Guttenberg ist leicht auszumachen: Er fordert in seinen Reden immer wieder Haltung ein, ihm ist Anstand und Aufrichtigkeit das Höchste. Eine Moral, die, wenn es nach „Volkes Stimme“ geht, anderen Politikern abgeht. Insofern war zu Guttenberg auch ein Bindeglied zwischen Volk und Politik. Er lieferte mit seinem Ethos einen guten Grund, auch mal für Politik zu sein. Und so ist es ein unerhörter Vorgang, wenn gerade der angesehenste und vertrauenerweckendste Politiker unseres Landes gegen dieses Ethos verstößt, um sich hernach nicht mal aufrichtig zum Moralverstoß zu bekennen, sondern auf die menschliche Schwäche zu verweisen. Wie? Alles nur – menschlich-allzumenschlich? Das würde man einem amoralischen Menschen abkaufen, aber nicht Herrn zu Guttenberg. Er sollte meiner Meinung nach nicht zurücktreten. Aber sich aufrichtig zu seiner Schuld bekennen.